Erinnerungen an Weimar

An Friedrich von Schiller
von Gisela Seidel
 
Fort bist du lange schon,
doch hier noch so präsent,
dass deine Gegenwart zu spüren
augenschließend ich vermag;
lässt mir das große Schweigen,
das niemals meinen Namen nennt.
So plötzlich kam der Schmerz,
verfinsterte den Tag;
suchtest den Weg in ferne Dimensionen,
gabst von der Ewigkeit, die du versprachst,
mir nur ein kleines Stück;
wo Seraphinen in Traumwelten wohnen,
dorthin brachte dein Todesengel dich zurück.
Gewährte Zerberus dir Einlass in sein Reich,
so zahle ich heut’ noch dafür Gebühr;
erscheint dein Antlitz vor mir engelsgleich,
streck’ ich in manchem Traum die Hand nach dir.
Werde ich niemals deiner Stimme lauschen
und niemals deinen warmen Atem spür’n?
Wie könnt’ ich mich an deiner Gegenwart berauschen,
wie sehr möcht’ ich mit dir den Himmel sanft berühr’n!
Vergangen und vorbei – vergessen nie so ganz;
am Ende meines Weges sei bereit,
reich’ mir die Hand zum eig’nen Totentanz
auf dem Parkett durch die Unendlichkeit.
 

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Schiller Biografie von Gisela Seidel

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Goethe und Schiller
von Gisela Seidel
 
Noch stehen wir vereint am alten Orte,
getragen nur vom grün bemoosten Stein,
 
uns zum Gedächtnis, letzte Dankesworte;
Grünspan der Zeit dringt in die Hülle ein.
 
Erinnerung weckt Seelenschmerz in mir,
denn Fremde gehn durch unsre alten Gassen,
 
Dein trautes Bildnis ist des alten Stadtkerns Zier,
ich wandle einsam hier durch unsre Straßen.
 
Wir waren Zeitgenossen vor zweihundert Jahren,
dichtend und denkend war das Gut, das uns geziert,
 
nicht immer haben Zuspruch wir erfahren,
doch blieben wir im Schaffen unsrer Werke unbeirrt.
 
Wir kämpften unsren Lebenskampf mit Worten,
die Schlacht verloren wir, doch nicht den ganzen Krieg,
 
stehn wir gemeinsam an den Himmelspforten,
dann haben wir die Ewigkeit besiegt!
 

Spaziergang durch den Park in Weimar:

Goethes Gartenhaus

Das Weinberghaus aus dem 17. Jh. wurde von Johann Wolfgang Goethe im April 1776 auf einer Versteigerung erworben, wodurch er automatisch das Bürgerrecht der Stadt erhielt. Die Kaufsumme von 600 Gulden erstattete ihm Herzog Carl August, der Goethe dauerhaft an Weimar binden wollte. Dieser wohnte sechs Jahre sommers wie winters in dem Gartenhaus, in dem er zahlreiche Gedichte und Prosafassungen bedeutender Werke verfasste sowie als Naturforscher tätig war. Auch nach seinem Umzug an den Frauenplan behielt er das Gartenhaus als lebenslanges Refugium, in das er sich oft zurückzog.

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Übermütig sieht's nicht aus,
Hohes Dach und niedres Haus;
Allen, die daselbst verkehrt,
Ward ein guter Mut beschert.
Schlanker Bäume grüner Flor,
Selbstgepflanzter, wuchs empor,
Geistig ging zugleich alldort
Schaffen, Hegen, Wachsen fort.
Dieser alte Weidenbaum
steht und wächst  als wie im Traum.
Sah des Fürstendaches Gluten,
sieht der Ilme leises Fluten.
 
(J. W. v. G.)
 

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Aus Schillers Erinnerungen: (28. August 1787)
 
"...Charlotte von Kalb und ich hatten uns in Goethes Garten eingefunden, um gemeinsam mit Herrn von Knebel Goethes Geburtstag zu feiern. Während dessen Abwesenheit bewohnte Knebel das Gartenhaus und hatte zu dieser Feier eingeladen, zu der sich auch einige Damen, Christian Gottlob Voigt, Hof- und Regierungsrat in Weimar und beide Söhne Herders einfanden.
 
Der Garten war hell erleuchtet, und es wurde viel gegessen und kräftig mit Rheinwein auf Goethes Gesundheit angestoßen.
Was hätte er wohl gesagt, wenn er gewusst hätte, dass ich hier zu seinen Hausgästen zählte? Das Schicksal fügt sich oft sonderbar. Ein Feuerwerk beendete damals den denkwürdigen Abend."
 

Dichterseele
von Gisela Seidel
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Geh’ durch die Stadt, die ich so liebte,
suchend mein Blick nach all’ den Plätzen
der fernen Zeit, die gnadenlos einst siebte,
die guten von den wenig guten Sätzen,
 
die ich einmal zu schreiben wagte.
So viele Bücher, die ich füllte –
und oft, erst als der Morgen tagte,
sich meine Dichtersehnsucht stillte.
 
Die Zeilen rannen aufs Papier,
mal zäh, mal flossen sie in Strömen.
Oft landete mein Denken schier
auch neben den erlaubten Tönen.
 
War ich gesellschaftlich gebunden,
so war doch frei mein Dichterband,
das sich so manches Mal verschlungen
um wohl verbot’ne Wege wand.
 
Ich blieb geachtet, viel zitiert,
war Mittelpunkt des Zeitgeschehens,
ich kritisierte unbeirrt,
hab’ Fehler spät erst eingesehen.
 
War ich doch Zünglein an der Waage
für manche Zukunft federführend,
verhielt mich oft nach Stimmungslage,
zu dominant und ungebührend.
 
Der Liebe Bänder, die ich knüpfte,
hab’ ich genauso schnell zerschnitten,
wenn rasch mein Herz vor Freuden hüpfte,
ist’s schon ins Einerlei entglitten.
 
Ich war autark, zu Neuem offen,
mit ungestillter Gier aufs Leben.
So wie mein Wirken, groß mein Hoffen,
ich könnt’ ein wenig Hilfe geben,
 
an alle, die sie brauchend nehmen.
Ich bleibe unsichtbar den Blicken,
zu lindern euer irdisch’ Grämen
bin ich gewillt in großen Stücken.
 
Wenn meine Worte euch erreichen,
und eure Seelen mich erkennen,
wird Kummer schnell der Freude weichen
und Hoffnung in den Herzen brennen.
 
Denn dieses Leben ist nur eines
von vielen, die uns Gott beschert;
im Hintergrund hat ein geheimes
so manches Stück euch schon gelehrt.
 
D’rum öffnet euch dem Unsichtbaren,
erkennt die kosmischen Gesetze,
denn alte Leben, die einst waren,
erhalten ihre neuen Plätze.

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1786 wurde im Zuge der Umgestaltung des Parks ein altes Gewächshaus zu einem „Salon im Park“ für den herzoglichen Hof umgebaut. Hier fanden gesellige Veranstaltungen, kleine Empfänge, Ausstellungen und Konzerte statt. Die vier hölzernen lebensgroßen Skulpturen von Martin Gottlieb Klauer, die ab 1788 die Ecken des Salons schmückten, stellten Tempelherren dar und verliehen dem Gebäude seinen Namen. Nach dem Umbau zu einem neugotischen Tempel und dem Anbau eines Turms diente es als Sommerhaus für die herzogliche Familie; später als Konzertsaal und Maleratelier des Bauhauses. Bei einem Bombenangriff auf die Stadt im März 1945 wurde es völlig zerstört.

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Am 16. Januar 1778 ertränkte sich Fräulein Christiane von Lasberg im Alter von 17 Jahren, weil sie sich von ihrem Geliebten, dem Schweden von Wrangel, verlassen glaubte, in der Ilm bei der Floßbrücke, die damals ein wenig unterhalb der jetzigen Naturbrücke schräg über das Wasser in den Stern des weimarischen Parks führte. Ihre letzte Lektüre, die man bei ihr fand,  war Goethes „Werther“ gewesen. Seinem Vorbild war sie gefolgt.
Kurze Zeit danach kam ein Bürger abends in jene Gegend. Da sah er am jenseitigen Ufer eine Dame in schwarzseidenem Mäntelchen lustwandeln; bei ihr war ein kleiner Hund, und in der Hand hielt sie eine Gerte, mit der sie im Sande rieselte. Der Mann wunderte sich, zu dieser Zeit eine Frau aus höheren Ständen, denen sie anzugehören schien, dort zu finden. Als er ihr bis auf zwanzig oder dreißig Schritte nahe gekommen war, entschwand sie seinen Augen, und er konnte sie, obwohl er suchte, nicht wiederfinden. Nachdenklich ging er heim und erfuhr, dass es Christel von Lasberg gewesen sei, die sich in dieser Kleidung ertränkt habe. Auch andere haben ihren Geist dort als weiße Gestalt umherwandeln sehen, und jedermann fürchtete sich, abends allein in die Gegend zu kommen. Goethe, welcher zum Andenken der »armen Christel« dort ein Stück Felsen zum Felsentor aushöhlen ließ, von wo man den Ort ihres Todes übersah, mochte es seinen Dienern nicht verdenken, wenn sie nachts nur zu dreien einen Gang nach seinem Garten hinüber wagten.
 
Christiane von Lasberg zum Gedenken ließ Goethe im Park das sogenannte "Nadelöhr" anlegen.
 

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Johann Wolfgang von Goethe gestaltete nach eigenem Entwurf den „Garten am Stern“ als Parkgarten.
 
„Ein rechter Gelehrtengarten, nahe genug der Stadt, um ihn leicht erreichen zu können und doch entfernt genug, um dem Staub und Lärm zu entgehen; groß genug, um den Besitzer zu zerstreuen, doch zu klein, um ihn zu absorbieren; soviel Land als erforderlich, damit das Auge sich erquicke, der Geist sich ausruhe, soviel Wege, als für einen Spaziergang nötig, und soviel Bäume, dass man sie mit Bequemlichkeit zählen kann.“ J. W. v. G.
 

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aus Schillers Erinnerungen:

"...So fristete ich mein Dasein, lebte von einem Tag in den nächsten, in der Hoffnung,
dass sich langfristig etwas ändern würde.
 Ich war völlig auf mich alleine gestellt und lebte sehr zurückgezogen,
fern von allen gesellschaftlichen Vergnügungen.
Nur in den Abendstunden liebte ich es durch den Park zu spazieren,
und ich genoss dort die Natur auf den weitläufig angelegten Wegen und die stille Einsamkeit des Ortes."
 

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aus Schillers Erinnerungen:

"Wie jedes Jahr seit dem Beginn meiner Erkrankung ließ ich zu Jahresbeginn einen Aderlass an mir vornehmen, der alle Giftstoffe aus mir hinaus fließen lassen sollte und der Bluterneuerung und Krankheitsvorbeugung diente. Anschließend, am 4. Januar 1799, fuhr ich in Begleitung meiner Familie nach Weimar, um gemeinsam mit Goethe alle Vorbereitungen für die Aufführung meines Dramas "Die Piccolomini" treffen zu können.
 
Da Lotte es für unschicklich hielt, neben Christiane Vulpius im Hause Goethes zu wohnen, hatte er uns eine bequeme Logis im Schloss mit allen nötigen Möbeln besorgt und hielt sich nun oft bei uns auf, wo er trotz der gewaltigen Tabakrauchwolken in meinem Zimmer, nach schlecht durchschlafener Nacht, seine gute Laune nicht verlor."
 

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Geistesblitze
von Gisela Seidel

Was soll ich schreiben,
frag’ ich mich so oft,
wenn ich das leere, weiße Blatt betrachte,
und kommen die Gedanken wie erhofft,
dann sind sie Ursprung dessen,
der sie brachte.

Sind wie ein Blitz in meinem Kopf,
spontan und voller Willkür –
fremde Worte,
als packte mich Vergangenes
beim Schopf,
vermittelt vom geheimen Musen-Orte.

Es füllen sich die Seiten, wie die Stunden,
mit Sätzen;
formen sich zu Reimen aufs Papier,
und in zig Tausenden von flüchtigen Sekunden,
verbinde ich mich still im Vers mit Dir.
 

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Grabstätte von Charlotte von Stein, Goethes großer Liebe, auf dem Historischen Friedhof in Weimar.
 

Gedankenbote
von Gisela Seidel

Bin der Gedankenbote,
kein Wenn und Aber füg’ ich ein,
sende in ausgeglich’nem Lote,
Ideen mal in groß, mal klein.

Bin der Geschichtenschreiber
von allerhöchster Stelle;
ein wortgewandter Treiber,
mal langsam und mal schnelle.

Bin Morgenstund-Erzähler,
zum Abend stimme ich dich ein,
will Freude, niemals Quäler,
deiner Gedankenvielfalt sein.

Das Denken, trüb und heiter,
geht auf die Weltenreise,
rinnt durch dein Hirn und weiter
hinaus auf deine Weise.
 

Romanze
von Gisela Seidel

Die Glocken, wie sie klingen –
ist’s noch der alte Schlag?
Mein Herz, es möchte springen,
an einen fernen Tag.

Die altvertrauten Zeiten
im abendlichen Ton,
wie damals hör’ ich’s läuten –
die Zeit lief uns davon.

Fühl’ ich noch Deine Nähe
am wohl geheimen Ort,
späh’ ich nach Dir als sähe
ich Dich von ferne dort.

Schmeck’ ich noch Deine Küsse,
verboten, doch so süß,
verspüre Hochgenüsse,
wie einst im Paradies.

Seh’ Deine Silhouette
am Horizont, im Geist;
verspüre noch die Kette
der Sehnsucht, die nie reißt.

Verschwunden in den Zeiten –
hör’ Deiner Stimme Klang,
wird sie mich stets begleiten
Unendlichkeiten lang.
 

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