Aphorismen

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Aphorismen von Henriette Brey
(Grafik von Heinrich Brey)

Ausgewählt von Liss Steeger




Im Folgenden werden einige Aphorismen von Henriette Brey aus verschiedenen angegebenen Werken zitiert, um in ihre Gedankenwelt einzutauchen und dem Leser nahe zu bringen, wie emanzipiert (zumindest auf dem Papier) und selbstbewusst die katholische Dichterin war.

Unter einem Aphorismus versteht man eine kurzgefasste Aussage, die schlagkräftig und prägnant einen bestimmten Gedanken erhellt oder eine Sache genau auf den Punkt bringt. Ein Aphorismus ist also eine knappe, geistreiche oder spitzfindige Formulierung eines Gedankens, eines Urteils, einer Lebensweisheit. Es ist somit ein Gedankensplitter von philosophischem Tiefgang, ein kurzer, einprägsamer Sinnspruch, der bisweilen überspitzt, auf überraschende Wirkung bedacht ist, und die Kritik des Lesers herausfordern möchte. Eine Aphorismusdefinition gelingt aber besser aphoristisch: "Ein Aphorismus ist das letzte Glied einer langen Gedankenkette.“ (Marie von Ebner-Eschenbach).

Ein Charakteristikum von Aphorismen ist, dass sie auf etwas hindeuten, ohne es direkt auszusprechen. Sie sind weder der Literatur noch der Philosophie eindeutig zuzuordnen und nehmen daher eine ‚Zwischenstellung’ ein.

Alle folgenden Aphorismen-Zitate stammen aus: Herzschläge (Besinnliches) als „Elfenbüchlein“ erschienen in Wuppertal (Bergland-Verlag) 1935, 4.-7. Auflage.

Aus Abschnitt: „In Liebe und Leid“ (Seiten 7-20):

 „Es gibt Wünsche, so rein und heilig und berechtigt – es gibt eine Sehnsucht, so tief und gewaltig – es gibt Bitten, so heiß und ungestüm und flehend, daß es scheint, als trügen sie eine Gott zur Gewährung zwingende Kraft in sich.“ (S. 7)


 „Tragik des Lebens, daß keiner emporsteigen kann, ohne auf die Herzen anderer zu treten.“ (S. 10)

 
„Man soll nicht im Überschwang, in einer Übersteigerung des Opfergedankens Endgültiges tun und Brücken hinter sich abbrechen.“ (S. 12)


 „Man braucht zuweilen tieftiefe Einsamkeit, um sich der inneren Bezirke seiner Seele wieder bewusst zu werden – des Erblühens und Reifens verborgener Gründe im heimlichsten Innern.“ (S. 15)


 Aus Abschnitt: „Pulsschlag der Zeit“ (Seiten 23-38):


 „Es gibt Kunstwerke, zu denen die Menschen wallfahrten, weil sie die Erfüllung einer geheimen Sehnsucht sind, weil sie die Ursprache des Menschenherzens reden.“ (S. 23)


 „Die Jugend ist oft gedankenlos grausam. Sie hat manchmal einen unbarmherzigen Spürsinn für Schwächen und Mängel und kleine Niedrigkeiten bei andern, und gibt sie dem Spott preis. Aber ebenso sehr hat sie meist ein scharfes Empfinden für das Echte und Große, und ein unbeirrbares Gerechtigkeitsgefühl. Sie wird das werden, was Führer und Vorbilder aus ihr machen.“ (S. 25)


 „Manchmal geschieht es, daß im Gespräche eine einzige Äußerung, ja ein Wort oder eine Bewegung blitzgleich eine Wesensseite des Redenden aufhellt – und wir stehen erstaunt vor einem ganz fremden Menschen.“ (S. 26)


 „Es gibt Menschen, die sich selbst allen Ernstes für großmütig halten, die aber im Grunde für alles eine Gegenleistung erwarten.“ (S. 26)


 „Das ‚Was werden die Leute sagen?’ ist ein gar gewaltiger Mitbestimmer unseres Handels. Und mit diesen ‚Leuten’ meinen wir selten die Aufrechten, die überzeugungsstarken Kämpfer, die Ringer und Führer gegen Herdeninstinkte und religionsfeindliche Übermacht - - nein, wir meinen damit die lautlärmenden Vielen, die beherrschende sogenannte Gesellschaft, die Tyrannin Mode und das Spottlächeln der guten Freunde, Kollegen und Arbeitsgenossen. – Weh über unsere Rückgratlosigkeit!“ (S. 28-29)


 „Gegen den Strom schwimmen ist schwer. Aber es scheint mancher unterzusinken – und findet doch zuletzt noch das rettende Ufer.“ (S. 30)


 „Man sagt, Gewitter und Stürme reinigen die Luft. Ja, aber ein verheerender Orkan fegt nicht nur das Morsche, Schwächliche, Überlebte weg, sondern zerbricht auch viel gesundes Leben, zerstört viel Wertvolles, Unersetzliches.“ (S. 31-32)


 „Man stößt heute so oft auf Schlagworte wie: Massenverarmung, Massenverelendung, Massenaufpeitschung, Massenpsychose – warum soll es nicht eine Massenbewegung, eine Massenbeeinflussung in edlem Sinne geben: eine Massendurchstrahlung mit heiligem Feuer, mit Christusgeist?!“ (S. 36)


 Aus Abschnitt: „Frauenherz“, (Seiten 39-58):

 
„Das Froheste und Herrlichste ist: ein Lebensweg voll zielbewußter Kräfteanspannung, voll beglückender Pflichten, voll aufbaufroher Arbeit!“ (S. 41)


 „Niemand ist schneller zur Hilfe bereit und fähig, als die Frau in ihrer raschen, impulsiven Art, in ihrem intuitiven Aufspüren des letzten Guten und auch der schwierigsten Rettungswege, ohne sich durch Hemmnisse abschrecken zu lassen.“ (S. 42-43)


 „Es gibt wohl kaum ein großes Werk, an dem nicht Frauen mitwirkten, oder das sie allein ans Licht riefen! Und manches, bei dem ausschließlich des Mannes schöpferischer Geist bewundert wird, hat seinen letzten geheimen Urquell im Herzen einer Frau.“ (S. 43)


 „Ein warmfühlendes Frauenherz findet tausend Anlässe – bei den eigenen Lieben, draußen auf allen Wegen, in der Öffentlichkeit und in der Verborgenheit – wo sie ihre helfende Liebe ausströmen lassen kann.“ (S. 45)


 „Hingabe – selbstlose Hingabe! Mehr an das ‚Du’ als an das ‚Ich’ denken! Denn wenn jeder nur für seine persönlichen Interessen und jede Partei für ihre eigenen Vorteile und Ziele arbeitet, so streben die Kräfte auseinander, und statt aufzubauen, zerstören sie!“ (S. 45)


 „Es liegt eine furchtbare Tragik in manchem verkümmerten Leben, das so reich und fruchtbar hätte sein können – und so elend versandet ist. Aber es gibt auch viele wahrhaft große und edle Naturen, die sich von der Seelenfolter des Leidens und des Sichausgeschlossenfühlens nicht haben zermalmen lassen, sondern über ihr Leid hinauswachsen, die Wege der Liebe zur Menschheit suchen, und über ihr körperliches Siechtum die Verklärung edler Geistigkeit breiten.“ (S. 47)


 „’Wunderkinder’ sind Treibhausblüten. Meist bezahlt der zarte Körper die vorzeitige Entwicklung des Intellektes, denn die Herrscherin Natur duldet keine gewaltsamen Eingriffe. Rosenknospen darf man nicht vorzeitig mit den Fingern öffnen wollen.“ (S. 48)


 „Wenn wir kein richtunggebender Leuchtturm sein können, so dürfen wir doch als kleines Kerzenflämmlein unserer seelen- und herznächsten Umgebung leuchten – auch das ist Glück!“ (S. 49)


 „Die Einsamkeit, die heilige hehre Einsamkeit bedeutet Freundin und Wohltäterin! Sie ist die Erweckerin höchster Lebenskräfte, ist Trösterin. Zu ihr kannst du flüchten aus der brodelnden Wirrnis des Alltagsgeschehens, aus den lauten Stimmen des Lebens, die so leicht all die feinen und leisen Stimmen deines Allerinnersten übertäuben und ersticken. Sie zeigt dir wieder den verschütteten Weg zu deinem dir fremdgewordenen allerinnersten Ich.“ (S. 52-53)


 „Man spricht so oft vom ‚Recht auf freie Entwicklung der Persönlichkeit’, vom Lösen aller ‚Bande, die das Genie einschnüren’ und seinen ‚Flug zur Höhe’ hemmen – und meint damit das Freisein von gottgewollten Schranken, das Austoben der Leidenschaften.“ (S. 56-57)


 „Es wachsen oft tausend große Gedanken im Garten unserer Seele, sprossen darin auf wie Blüten in reicher Fülle. Aber es ist uns nicht gegeben, sie zu formen und zu Taten zu gestalten.


Doch auch die Blüten sind schön und ein Zeichen von Leben und gesundem Wachsen. Das Reifen der Blüten zu Früchten muss man Gott überlassen.“ (S. 57-58)


Alle folgenden Aphorismen-Zitate stammen aus: Blätter im Winde (Besinnliches), als „Elfenbüchlein“ erschienen in Waldsassen (Verlagsanstalt Albert Angerer) ohne Jahr, 9.-10.Auflage, Aus Abschnitt „Blühen und Reifen“, Seiten 1-24.


„Für Dichteraugen strahlt die Sonne goldener, glühen die Rosen leuchtender – aber die Häßlichkeiten des Lebens scheinen ihnen auch häßlicher und abstoßender als andern. Das Grau ist trostloser, die Missklänge schrillen greller, die Schmerzen brennen heißer und die Gleichgültigkeit verwundet tiefer. Darum leiden sie schwerer am Leben und – an sich selbst, als andere Menschen.“ (S. 7-8).

„Seltsam, daß tiefe Freude nicht allein sein will! Leid sucht die Einsamkeit; Freude muß sich teilen, sonst zersprengt sie das Herz.“ (S. 11)


„Von einem Menschen, der leidet, soll man nicht scheiden, ohne zu versuchen, ihm wohlzutun – durch ein gütiges Wort oder durch verstehendes Schweigen.“ (S. 14-15)


„Der Einfluß eines edlen Freundes kann bis in unsere tiefste Tiefe reichen. Bei all unserm Denken und Tun und Arbeiten fragen wir uns unwillkürlich, wie er es werten wird – das ist unser Maßstab! So kommt es, daß alles, was an Güte und Selbstlosigkeit und Hingabe in uns ist, und alles, was wertgebend ist für Leben und Sterben, von ihm geweckt und zur Blüte gebracht wird.“ (S. 16-17)


„Wirf einen Stein ins Wasser; er sinkt unter – aber noch lange zittert der bewegte Wasserspiegel in immer weiteren Kreisen. Und wenn du selbst untergesunken sein wirst im Strom der Ewigkeit, so wird das, was du Wertvolles geschaffen hast, noch lange nachwirken auf dem Wasserspiegel der Zeit und vielleicht weite Kreise ziehen! Aber auch, was du Unheiliges und Schlimmes gewirkt hast!“ (S. 19)


„In dem Sehnsuchtsdrang unserer Zeit hat das Buch eine heilige Mission zu erfüllen. Wo das gesprochene und gepredigte Wort oft verhallt und vergessen wird, da schlägt vielleicht das geschriebene Wort Wurzel, wirkt seine stillen Wunder. Wenn auch die Hand, die es schrieb, längst in Staub zerfallen ist. Darum ist es unausweichliche Pflicht für jeden, den Gott diese Gabe geschenkt hat, damit zu wuchern.“ (S. 20-21)


„Auch das ist Gottesdienst: mit der Feder Schönes und Edles schaffen, das die Menschen aus der Niedrigkeit der Tagesfron erhebt, das Licht und Wärme in die erstarrten Herzen bringt. Wenn dadurch auch nur ein einziger Mensch für Augenblicke aus den Tiefen empor gerissen wird, seine Nöten vergißt und seine Seele in goldenen Höhen vom Alltagsstaub rein badet; wenn in einem einzigen Herzen ein edler Gedanke keimt, der vielleicht erst nach Jahren Frucht bringt und zu einer mutigen, freudigen und gütigen Tat sich auswirkt: so ist ein solches Buch nicht umsonst geschrieben worden.


Darum sei ein gutes, edles Buch uns Freund und Führer und Vertrauter, dem wir Liebe und Ehrfurcht schulden, Treue und – Dank!“ (S. 21-22)


„Bücher sind Freunde, die auch dann noch treu bleiben, wenn die Menschen uns verlassen oder wenn wir sie nicht ertragen können ... Aber – es gibt Stunden, da gäben wir alle Bücher hin um ein einziges gütiges Wort aus Menschenmund, das Licht, Kraft und Ruhe gibt – um einen warmen Händedruck.“ (S. 22)