Taggedanken

Taggedanken
von Gisela Seidel

Wenn die Sonne kraftlos in das Meer versinkt
und mit letztem Glanze Abendstimmung bringt,
deckt die Welt sich zu, mit Sehnsuchtsschleiern,
und der junge Abend ringt in stillen Feiern
mit des Tages letztem Atemzug;
abgestreifte Hektik dieser Zeit -
tiefe Ruhe, Frieden, Einsamkeit.
Nur noch Schweigen ringsumher,
und die Schatten huschen durch das Meer
letzter Taggedanken.
 

 

Seelenflug
von Gisela Seidel

Flieg fort,
lass' die Gedanken fliehen,
beschau von oben
unsre kleine Welt.
Dann wird dir klar,
dass unsre Zeit geliehen
und eine andre Macht
den Plan in Händen hält.

 

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Neuer Morgen
von Gisela Seidel
 
Die Welt erstrahlt im Morgenlicht
mit nass – verhangnen Schwaden,
und sonnenwarmes Strahlen bricht
durch Wolkenbergkaskaden.
 
Ein schöner Tag wird uns kredenzt,
im sonntäglichen Glanze,
und selbst der alte Kirchturm glänzt
mit hellem Blätterkranze.

Abendstimmung1

Reine Gedanken
sind wie
reflektierendes
Licht,
sich spiegelnd
zwischen
den
Welten.


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Webe und Erwache
von Gisela Seidel

Wie Goldfäden weben,
ist das Freudegeben,
des auf Erden ohnegleichen
beglückenden Wortes.
 
Wie ein Singen aus Sphären,
von himmlischen Chören,
in klanglosen Räumen,
aus Dornröschenträumen,
weckt die Stimme des Alls.
 
Wie die Schatten entfliehen,
flieht die Zeit. – Nur geliehen
sind der Menschheit Tage.
Wandle Leiden und Plage
auf den ewigen Stufen.
 
Reich dem Guten die Hände,
eil' entgegen der Wende.
Lass dich treiben vom Schönen
in Gedanken und Tönen,
bei dem Einen verbleibe.

Tagesanbruch
von Gisela Seidel

Stille ruht noch in der Stadt.
Schlaf hängt an den Fensterscheiben.
Hoch vom Baum ein müdes Blatt,
lässt sich sanft zu Boden gleiten.
 
So vergehen Tageszeiten.
Viele werden sie erleben;
andre beim Hinübergleiten
in die andre Welt entschweben.
 
Friedlich schleichen die Sekunden.
Dankbar blick ich in die Ferne.
Grüß den Sonnenball, den runden,
grüß auch Mond und alle Sterne.
 
Tag, ich heiße dich willkommen!
Und die alte Uhr tickt leise.
Was du bringst und was genommen,
segne ich auf gleiche Weise.
 

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Lebensfreude
ist positive Energie,
die Stagnation
tausendfach
zum Schwingen
bringt.

Wege der Wahrheit
von Gisela Seidel
 
Die Fesseln sprengen,
Vergangenes segnen;
der Freude im Herzen
mit Liebe begegnen.
 
Das Neue betrachten,
mit Hoffnung und Wonne,
die Seele erleuchten
mit innerer Sonne.
 
Die Wege der Wahrheit
mit Weisheit erhellen.
Kein leuchtend’ Talent
unter Scheffel stellen.
 
Die Blindheit mit
göttlicher Weitsicht füllen,
den Höhenweg ebnen,
um Gottes Willen.
 
Den Glanz aller Tage
zum Blütenstrauß binden,
zu reichen der Herrlichkeit
hinter den Sinnen.

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Fahrt ins Blaue
von Gisela Seidel

Und manchmal,
wenn sich die Sonne neigt,
mit gedämpftem Licht
hinter die Dächer steigt,
ja, manchmal
bin ich der Einsamkeit müde,
mit der ich so lange verwoben,
und ich bitte Gott, dass er mich trüge
von hier unten, zu sich nach oben.
 
Doch manchmal,
erwache ich morgens und strecke
mich gierig aus nach dem Leben;
will Neues und noch vieles mehr -
hab’ keine Zeit zu vergeben.
 
Und manches Mal denk ich,
so lang ist mein Weg,
den ich mich zu gehen getraue,
so allein, voller Neugier und unentwegt –
geht meine Fahrt ins Blaue.

 

Tagträume
von Gisela Seidel
 
Lau weht der Wind.
Das Blattwerk flüstert leis’,
und flatterhaft
dreht sich’s im Kreis,
mal hin, mal her.
 
Ich schau hinaus.
 
Der Himmel blaut.
…Mein Schreibtisch wird nicht leer.
Die Welt schaut fröhlich,
wie aus Veilchenaugen.
…Gleich der Berufsverkehr!
 
Ein Bild!
 
Es steigt die Lerche hoch
vom Wiesengrund,
und aus dem dunklen Mund
des Waldes atmet’s Kühle.
 
Büro-Gedankenspiele!
 
Träum mich weit fort
von tristen Formularen,
hinauf zum Wald.
Ich laufe still den Weg
bis an den Ort,
dort, wo die Weiden waren.
 
Das Telefon!
 
…Ich leg den Bleistift nieder.
Verklärt schau ich die schönen Bilder wieder,
ganz weltverloren
und treibe fort,
im Sonnenschein geborgen,
allein.
 
…Gleich fahr ich heim.
 

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Vergangenheit
ist das,
was uns groß oder klein machte,
uns im Guten oder Bösen prägte
und die Weichen stellte
für unsere Zukunft.

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Saat und Ernte
von Gisela Seidel
 
Einst streute ich Samen auf Himmelswiesen.
Gar prachtvoll und bunt war das Blühen,
und zwischen den wachsenden Paradiesen,
sah ich Engel Freude versprühen.
 
Auch streute ich tote Saat auf die Fluren.
Der Wind trug sie in dunkle Welten.
Verloren das Leben in all ihren Spuren;
nichts konnte zum Keimen verhelfen.
 
Ich säte Samen der Liebe auf Äcker,
die karg und verdorben mir schienen.
Doch seht nur, die Saat war ihr sanfter Erwecker,
denn die Liebe ging auf in ihnen.
 
Dem Hass und der Wut war das Feld bereitet
durch mich; fegte fort das mit Liebe Gesäte.
Wie Unkraut wuchert das Übel, verbreitet
sich tückisch, verdarb Saaten und Beete.
 
Manch bittere Saat konnte Wurzeln schlagen,
war in meinem Lebensacker das Amen.
Nun leb’ ich auf ihm, ernte all seine Plagen
und weiß, ich selbst legte den Samen.
 
Mit dem, was ich säte in vergangenen Zeiten,
bin ich in dies Leben gegangen.
Meinen Lohn für Saat und Ackerarbeiten
werde ich einst zur Ernte empfangen.
 

Traumwelt
 von Gisela Seidel

Das Licht der Kerzen ist verloschen,
das Haus ruht still im Abendlicht.
In deiner Hand das Buch, geschlossen,
der Schlaf verzaubert dein Gesicht.
 
Es wirkt so sanft im Schein des Mondes,
mit einem Lächeln, ganz entrückt,
und tief in den Gedanken wohnt es,
was dich so wundersam beglückt.
 
Entführt dich jede Nacht aufs Neue,
reicht dir die Hand zum Traumestanz,
trägt deinen müden Leib mit Freude
durch allerfernsten Sternenglanz.
 
So fliehst du weit in fremde Sphären,
machst eine Reise durch die Zeit.
Wenn Träume Wirklichkeiten wären,
dann schliefest du in Ewigkeit.
 

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Verlorene Träume
von Gisela Seidel
 
Fahl wirft der Vollmond Schatten in die Zimmer.
Groß steht er, Stern umringt, in stiller Wacht.
Hat mich geweckt durch seinen Zauberschimmer.
Nun lieg’ ich lang schon, lausche in die Nacht.
 
Die Grillen geigen monotone Partituren.
Das Blattgewand, es rauscht im nahen Baumgeäst.
Ein Schlag fährt durch die müden Weltenuhren;
die Mitternacht hält magisch alle Zeiger fest.
 
Mein Engel singt mir Nachtwindmelodien.
Gott streut ein lichtes Ahnen in die Zeit.
Die Wesen aus den Schattenreichen fliehen
vorbei wie trüber Nebelhauch…so weit.   
 
Der Schlaf, der gnädige, ist mitgegangen.
Gedanken treiben wie das Wasser an den Strand.
Sie kommen und sie gehen; Traum verhangen
zieh ich mit ihnen ins verklärte Niemandsland.
 
Dort liegt mein Tränensee und auf dem Grunde
verlorne Träume, dicht an dicht, wie Stein an Stein.
Ich treib hinab, versink in sonnenferner Stunde;
spinn’ neue Träume, losgelöst vom Sein.
 

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Nachtglocken


Die Glocken klingen in der Ferne,
sie läuten schon den Sonntag aus;
am Himmel stehen erste Sterne,
die Stille zieht in Stadt und Haus.

Der Lampen Licht fällt durch die Scheiben,
wirft Schatten auf die leeren Straßen,
und es beginnt das bunte Treiben
im fahlen Mondlicht zu verblassen.

Wo Tag war, herrscht nun Dunkelheit;
der Wind, er schaukelt sanft die Welt,
Gott hat für unsre Schlafenszeit
die Uhren langsamer gestellt.

Die Englein singen Wiegenlieder,
Du hörst sie, wenn’s ganz stille ist;
sie schwingen sanft zu uns hernieder,
damit das Dunkel heller ist.