Leseprobe Jenseits des Schleiers

PROLOG
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Das weite Tal lag tief im Dunst, und die ersten Schatten der herannahenden Nacht hüllten die bewaldeten Gipfel der nahen Berge des Oberharzes bereits in dunkle Schleier.
 
Schweigend stand Robert von Gernsheim bewegungslos am Rande eines tiefen, steinigen Hangs und schaute hinunter auf den finsteren Fels. Noch vor dem anbrechenden Abend war er hinauf gestiegen, den Weg, den er schon einige Male mit einem Bergführer gegangen war. Bedrohlich gähnte unter ihm der Abgrund, wie ein gieriger, weit aufgerissener Rachen, bereit, ihn in die Tiefe zu ziehen, um ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Lange stand er so, gänzlich umfangen von seiner Trauer, unschlüssig und immer noch abwartend, doch das Schicksal war nicht gnädig und entließ ihn nicht aus seiner Schuld.
 
Seinen braunen Reitermantel hatte er neben sich ins Gras gelegt, und den braunen Filzhut, den er eben noch auf dem Kopf getragen hatte, warf er nun in einem weiten Bogen in die Tiefe.
 
„Seht her, das ist mein Gastgeschenk!“, rief er wie von Sinnen, machte einen Schritt nach vorne und hörte ein paar lose Steine in die Tiefe kollern. Einen Fuß breit stand er vom klaffenden Abgrund entfernt, bereit, den letzten Schritt seines Lebens zu tun.
 
Noch vor einer Woche hatte er gehofft und in Sankt Andreasberg ausgeharrt, doch die Botin hatte ihm keinen Brief, keine erlösende Nachricht gebracht. Die Resignation ließ ihn erstarren. Erst vor kurzem hatte Sophie, die ihm alles bedeutete, nach ihren Briefen verlangt, und er hatte sie nur zögerlich und mit starkem Bedauern zurückgegeben. Waren die Briefe doch alles gewesen, was ihm geblieben war! Wie oft hatte er sie gelesen, ihre Worte in sich aufgesogen wie ein Schwamm!? Noch ein letztes Mal war er mit der Hand über die Zeilen gefahren, so, als ob die Handschrift seiner Geliebten mit einem unsichtbaren Zauber behaftet sei, der ihn aus seiner Fassungslosigkeit erlösen könnte.
 
Ja, er war sich sicher, dass nur sie befähigt war, den Bann zu brechen. Sie war wie eine Hohepriesterin, die keiner weltlichen Liebe bedurfte, die ihre Einsamkeit zur Größe machte, und dieses Tabu zu brechen, konnte nur mit dem Tod geahndet werden. Und er hatte es gebrochen!
 
Unsichtbar war er für die Frauenwelt geworden, ihretwegen. Seitdem er sie liebte hatte er sich in einen Mantel der Unnahbarkeit gehüllt, der niemandem Nähe erlaubte, und der, wie ein sichtbares Zeichen, jeden offiziellen Umgang mit anderen Frauen rigoros ausschloss.
Die Nacht hatte schnell den einsamen Hang erreicht, auf dem er nun zusammengekauert auf dem Boden saß.
 
„Was war ich nur für ein Tor!“, ging es ihm durch den Kopf. „Alles, was ich mir in meinen sehnlichsten Träumen erhofft hatte und wünschte, blieb unerfüllt!“
 
Dann weinte er hemmungslos. Tränen der Trauer, die nur die Zeit trocknen konnte, wenn er sie denn gewähren ließ. Doch heute schien sie gegen ihn zu sein. Nichts konnte ihn beruhigen. Kein Trost wurde ihm beschert, der seine Erinnerungen auslöschte. Grübeleien lasteten auf seinem Hirn wie Plagegeister. Wie sie schmerzten und ihn peinigten; wie Messer stachen sie in seine Seele, wieder und wieder, und mit jedem Mal erweiterte sich die Wunde in seinem Herzen.
 
Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Nur fort wollte er! Fort, von den Peinigungen, die ihn heimsuchten, fort, um sein Unglück zu vergessen.
 
Von ferne hallte das Geräusch galoppierender Hufe durch das stille Tal. Dann kehrte die quälende Ruhe zurück und auch die Gedanken, die sich wie Pfeile in seinen Kopf gruben.   
Bevor er am späten Mittag den Berg erstiegen hatte, war er im „Löwen“ eingekehrt. Er hatte sich den besten Wein bestellt und den Männern beim Würfelspiel zugesehen.
 
„Mir ist wahrlich ein schlechter Wurf gelungen!“, war ihm dabei durch den Kopf gegangen. Hastig hatte er die grüne, staubige Flasche geleert und sich eine neue aus dem Keller holen lassen. Das Schankmädchen hatte die hölzerne Klappe zur Treppe geöffnet, die in das Gewölbe führte, und er hatte ihr nachgeschaut, ohne sie wirklich zu sehen.
 
Schon oft war er hier gewesen, immer wenn der Herzog ihn sandte, um im Bergwerk nach dem Rechten zu sehen. Diesen Ort hatte er seit langer Zeit lieb gewonnen, hierhin hatte er sich früher gerne zurückgezogen. Doch diesmal war der Grund ein anderer. Der Herzog hatte ihn aus den Augen haben wollen und ihn für unbestimmte Zeit aus Weimar hierher verbannt. 
Bekannt war Robert von Gernsheim im Dorf und im Gasthaus, und er merkte, wie ihn die Wirtsleute mit fragenden Blicken musterten, weil sie ihn in dieser Verfassung noch nie gesehen hatten.
 
„Ist Euch nicht wohl?“, hatte der Wirt ihn gefragt, als er gedankenverloren und ganz vom Weingeist erfüllt, am alten Holzpfosten gelehnt, aus dem Fenster starrte.
 
Der sonst so gepflegte Herr war mit zerzaustem Haar in die Wirtsstube getreten. Sein Haarband hatte sich gelöst und die dunklen Strähnen waren ungebändigt in sein bleiches Gesicht gefallen. Dunkle Augenränder verrieten die schlaflosen Nächte, und der abwesende Blick seiner blauen Augen hatte leer und verloren gewirkt.
 
Vom Geschwätz und Gelächter im Wirtshaus fortgetrieben, war er mit einer weiteren Flasche nach draußen geeilt. Vor dem Haus saß der kleine Sohn der Wirtsleute, der mit einem fuchsohrigen Hund spielte und verwundert zu ihm aufblickte. Der edle Herr aus der Stadt, der sonst immer ein gutes Wort für ihn hatte, schien ihn gar nicht bemerkt zu haben. Hastig hatte dieser sein Pferd bestiegen und war zum Rande des Ortes geritten, um es dort in einer Stallung einzuquartieren.
 
Nachdem es untergebracht war, legte er zu Fuß die weite Wegstrecke bis zum Bergsteig zurück, umgeben von den ruhigen Geräuschen der grünen Landschaft, dem Zirpen der Grillen und dem Quaken eines fernen Frosches. Er hatte den Mückenschwärmen zugesehen, die in den Sonnenuntergang tanzten und wehmütig in den flammenden Horizont geschaut, der mit leuchtendem Rot den Abend heraufbeschwor. Vereinzelt glitzerte bereits ein Stern; die ganze Luft war vom Zauber des Zwielichts erfüllt, als er die Anhöhe erreicht hatte.
 
Hier kauerte er immer noch wie versteinert; sein Herz schlug heftig, und wenn er die Augen schloss, schwindelte es ihm. Der Wein tat seine Wirkung. Eine kühle Brise war aufgekommen, aber es kümmerte ihn nicht. Die Weste, die er über seinem Hemd trug, gab ihm Wärme genug. Den Kragen hatte er gelöst und seinen Kopf auf die Hände gestützt. So saß er lange und völlig bewegungslos. Nur ab und zu wischte er sich mit den Rüschen seiner Hemdsärmel die Tränen von den eingefallenen Wangen.
 
„Vorbei!“, ging es ihm durch den Kopf. „Geliebt und gelitten habe ich, doch was kümmert es die Welt!? Öffnet mein Grab, denn ich will schon bald hinein. Keine Seele, die um mich weint…keine!“
 
So saß er in seinem Jammer und sehnte den Anbruch des Tages herbei. Eine kurze Weile wollte er noch warten, doch, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Tag erhellten, sollte es vorbei sein.
 
Erschöpft hatte er sich ins Gras gelegt. Ein Käuzchen rief aus dem nahen Wald.
 
„Mein Totenruf!“, brauste es durch seine Sinne. „Ob Sophie jetzt an mich denkt?“, hämmerte es in seinen Gedanken, und es war ihm, als ob der Wind die verneinende Antwort in sein lebensmüdes Herz trieb.
 
Dann schlief er ein und erwachte Stunden später, weil er fror. Die Nachtluft war kühl, als hätte sie über Eis geweht, und der Mond stand am Himmel und warf sein fahles, kaltes Licht auf die schlafende Welt.
 
Er sammelte seine Gedanken für einen kurzen Moment, und als die Besinnung zurückkehrte, richtete er sich langsam auf und trat wieder an den Rand des Felsens. Traurig und erfüllt von tiefer Hoffnungslosigkeit blickte er zum Himmel. Lange stand er so, als wolle er auf ein Zeichen warten.
 
Am Horizont vertrieb das Licht die Schatten der Nacht und tauchte die Welt in einen zarten, rosafarbenen Schleier. Noch immer lagen Nebelschwaden über den tauschweren Wiesen im Tal. Gleich würde die Sonne aufgehen!
 
Alle Gedanken, Wünsche und Erinnerungen wollte er für ewig verwerfen und mit sich in die Tiefe nehmen, wie auch das Bild seiner geliebten Sophie, das er in diesem Moment des Abschieds vor seinem geistigen Auge sah.
 
Es war ihm, als würde sie lächelnd vor ihm über die Wiese schreiten, wobei ihr lindgrünes Gewand fast den Boden berührte. Er sah den Ausschnitt des Kleides mit rosa Spitzen verziert. Um ihre Schultern hatte sie ein weißes Tuch geschlungen, das gänzlich mit Rosen bestickt war. Die grün- und rosafarbenen Bänder, die ihr kunstvoll hochgestecktes, tiefschwarzes Haar zusammenhielten, waren mit großen Schleifen auf dem Hinterkopf drapiert. Wie schön hatte sie ausgesehen! Wie schön!
 
Dann verblasste das Bild, und im Osten zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen. Eine Amsel sang in der Frühe ihr Lied. Noch ein letztes Mal hatte er den Morgen sehen wollen, um „Adieu“ zu sagen. Dann war er langsam an den Rand des Felsens getreten.
 
Im Stillen sprach er ein Gebet, breitete seine Arme aus, weit, wie zum Fluge und schwang sich lautlos in den Abgrund. Nach einem kurzen, heftigen Schmerz trieb er langsam auf die geistige Seite der Welten, wo er weder Furcht noch Angst zu finden glaubte, nur Frieden und Freiheit.